Neulich war ich bei der „Langen Nacht der Politik“ in Lichtenberg. Eine Art „offenes Rathaus“ mit Bürgerdialog, Gesprächen mit den Parteien auf Augenhöhe, Sie wissen schon. Ich kam sogar ins Plaudern mit ein paar Leuten aus der Grünenfraktion der Bezirksverordnetenversammlung. Wie alle verteilten sie zum Schluss noch ein paar Goodies: drei Tütchen Saatgut, für eine Blumenwiese. Wie nett!
Nun habe ich mir den Inhalt mal genauer angesehen und mich über die komische Samenform gewundert. Nanu, was soll das denn sein, ich erkenne ja gar nichts wieder? Die Google-Bildersuche hilft weiter.

Von links oben nach rechts unten: Lupine, Buchweizen, Esparsette. Phacelia, Perserklee, Sonnenblume. Dazu noch ein bisschen Koriander und Dill.
Das klingt vielleicht nach Gartenidylle. Und viele der Pflanzen sind sicher hübsch. Tatsächlich ist das aber ein botanisches Verwirrspiel: Denn keine einzige der aufgezählten Arten ist heimisch. Sie stammen aus dem Mittelmeerraum, aus Asien oder Amerika. Sie alle werden als Kulturpflanzen angebaut, einige wie Lupine oder Phacelia als Gründüngung oder Zwischenfrüchte auf Äckern.
Wie es scheint, sind die Grünen hier der Firma „Seedball Factory“ auf den Leim gegangen. Diese vertreibt unter dem Claim „Blumen schenken, Bienen retten“ kleine Werbetütchen mit inidividuellem Aufdruck ab 26 Cent das Stück. Alles zertifiziert Bio, na klar. Bei Umweltbewussten, die gern „was für die Natur“ tun wollen, aktiviert das die richtigen Reflexe.
Ökologisch betrachtet ist das aber ähnlich sinnvoll wie ein Schmetterlingsschutzprojekt mit Plastikblumen. Denn unsere bedrohte Insektenwelt kann mit dieser Mischung herzlich wenig anfangen. Die Generalisten unter den Nektarsammlern kommen hier zwar auf ihre Kosten. Aber gefährdete, auf wenige Arten spezialisierte Wildbienen oder Schmetterlinge auf der Suche nach Futter für ihre Raupen – denen nützt dieses Sortiment herzlich wenig.
Das ist kein Zufall, man muss nur einmal auf das Kleingedruckte schauen. Die Mischung, heißt es auf der Website des Herstellers, „entspricht den Anforderungen für die Honigbrache“. Das heißt: Sie ist ausschließlich auf Honigbienen optimiert, also auf ein domestiziertes Nutztier, das weder bedroht noch schützenswert ist. Die Honigbiene ist das Huhn der Insektenwelt. Vogelfreunde würden doch auch nicht mit dem Mästen von Legehennen anfangen, um die heimischen Wildvögel zu retten.
Was heimische Insekten wirklich brauchen, sind die Pflanzen, mit denen sie sich über Jahrtausende gemeinsam entwickelt haben. Sie brauchen Futterpflanzen, die ihre Larven ernähren. Sie brauchen offene Bodenstellen, Totholz, Steinritzen, unaufgeräumte Ecken.
Gerade in den schrumpfenden urbanen Biotopen, die durch „Stadtentwicklung“ zunehmend unter Straßen und Häusern verschwinden, ist das besonders wichtig.
Die Wilde Möhre (Daucus carota) zum Beispiel ist eine der ökologisch wertvollsten heimischen Wildpflanzen für die Artenvielfalt. Sie bietet reichlich Nektar und Pollen, die leicht zugänglich sind. Sie wird von mindestens 25 Wildbienenarten sowie zahlreichen anderen Bestäubern wie Schwebfliegen, Florfliegen, Käfern, Wespen, Wanzen und Faltern besucht. Mindestens zwölf Schmetterlingsarten nutzen sie als Raupenfutterpflanze, darunter auch der Schwalbenschwanz.
Die Samen dienen Vögeln wie dem Stieglitz als Nahrungsquelle, die Pflanze ist anspruchslos und trockenheitsresistent. Außerdem sieht sie hübsch aus und hat herrlich duftende Blüten. Sie dürfte in einer solchen Samenmischung eigentlich nicht fehlen.

Stattdessen bekommen wir ökologisch fragwürdige Importpflanzen, darunter sogar die Lupine, die als invasiv gilt. Sie ist giftig und breitet sich schnell auf offenen Flächen aus, insbesondere auf nährstoffarmen, artenreichen Magerwiesen. Dort reichert sie den Boden durch ihre stickstofffixierenden Wurzelknöllchen an und verdrängt anspruchsvolle Wildpflanzen.
Was bleibt, ist ein Lehrstück in blindem Aktionismus. Und damit bestätigt sich leider ein Vorurteil der Landbevölkerung gegenüber den Städtern: Den Schönwetter-Naturschützern fehlt oft das Grundwissen über die Tier- und Pflanzenwelt. Wichtiger ist das gute Gefühl. Doch auch beim Blumensäen gilt: Man muss wissen, was man tut. Oder es eben besser lassen. Sonst hilft man nicht der Natur, sondern nur dem eigenen Image.
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