Der sorbische Lehrkörper für Grundschulen wird bald in Senftenberg ausgebildet: Mit einem von verschiedensten Fraktionen gemeinsam in den Potsdamer Landtag eingebrachten Antrag will man ein sorbisches Lehramtsstudium an der Brandenburgischen Technischen Universität Cottbus-Senftenberg (BTU) einrichten, schreiben die Potsdamer Neuesten Nachrichten bzw. der Tagesspiegel (Offenlegung: ist mein derzeitiger Arbeitgeber).
Die Idee hinter dem Vorstoß ist, mehr Lehrer für den Sorbischunterricht zu generieren. Die Lehramtsausbildung ist in der Sorabistik in Leipzig angesiedelt, also außerhalb der wendischen/niedersorbischen Region. Derzeit schreibt sich dort im Schnitt nur ein Student pro Jahr ein, weshalb an allen Ecken und Enden die Lehrkräfte fehlen. Wenn der Studiengang zurück ins Siedlungsgebiet käme, könnte dies die Attraktivität erhöhen, so die Logik. Schon 2026 soll es losgehen.
Bitte mehr davon! Es braucht ohnehin mehr Vertrauen in die Fähigkeit der sorbischen Gemeinschaft, sich selbst zu organisieren, eigene Prioritäten zu setzen und junge Menschen mitzunehmen. Der geplante Lehramtsstudiengang in der Lausitz ist ein erstes positives Signal dafür, dass zumindest vor Ort mehr mitbestimmt wird, wie sorbische Bildung künftig aussehen könnte. Vielleicht sollten die Entscheidungsbefugnissen entsprechend stärker in die Region wandern und eine echte Bildungsautonomie aufgebaut werden.
Doch ein Vorwurf lässt nie lange auf sich warten und er kommt zuverlässig immer von denselben Absendern: Geld in die Förderung von Wenden/Sorben zu stecken wäre reine Geldverschwendung. Ein totes Pferd solle man bitte nicht mehr reiten, und der Steuerzahler subventioniere doch nur die Jobs der „Berufssorben“: Lehrer, Mitarbeitende des Sorbischen Instituts und der Uni Leipzig, Domowina und Załožba und den Redakteursstab des RBB.
Unter den Sorben-Themen kommentiert im Tagesspiegel zuverlässig immer wieder dieselbe Person, so auch dieses Mal. Das Geld würde sinngemäß nur dazu dienen, die Sorben in den Institutionen mit Steuergeld durchzufüttern, ohne nennenswerten Erfolg. Und dann sprach mich noch jemand genau in derselben Tonalität darauf an.
Diese Leier, dass die Sorben übervorteilt werden, ist jedem bekannt, der im „serbski swět“ unterwegs ist. Die Kommentare stehen exemplarisch dafür, wie sich Deutsche immer wieder dazu äußern.
Doch die Realität entlarvt die Argumentation. Wenn der Beruf des Sorbischlehrers so attraktiv wäre, würden sich nicht nur so wenige Interessierte in Leipzig einschreiben. Eine Sorbisch-Lehrkraft hat quasi eine Job-Garantie. Das ist aber eher ein Indikator für eine funktionale Notlage.
Dasselbe gilt für die Mitarbeitenden der sorbischen Institutionen oder Medien. Jeder, der mit dem Bereich Kontakt hatte, weiß: Die Engagierten sind tendenziell überfrachtet mit Arbeit, engagieren sich auch außerhalb des Jobs und suchen vor allem händeringend um Nachwuchs. Auch der sorbische Rundfunk klagt über mangelndes Interesse etwa von Schülern des Niedersorbischen Gymnasiums. Das alles widerspricht der These einer alimentierten Parallelstruktur.
Die Mittel, die in sorbische Institutionen fließen (gut 20 Millionen Euro jährlich) sind ein lachhaft niedriger Betrag. Sie stehen in keinem Verhältnis zum staatlichen Gesamtbudget für Kultur, Bildung oder Medien. Nur zum Vergleich: Brandenburg steckt 450 Millionen jährlich in seine Unis. Und der Etat des RBB liegt bei über 425 Millionen Euro pro Jahr, der sorbische Anteil liegt mit zwei Millionen Euro bei etwa 0,5 Prozent, ist also marginal.
Die tatsächlichen Verhältnisse sprechen für Unterfinanzierung, nicht Überversorgung. Wer das Gegenteil behauptet, muss sich den Vorwurf gefallen zu lassen, eine assimilatorische Agenda zu verfolgen.
Richtig ist allerdings, dass es den Institutionen nicht gelingt, die ausgebildeten jungen Menschen im System zu halten und für die „sorbische Sache“ zu begeistern. Das ist das eigentliche Problem und die Gründe dafür sind vermutlich strukturell.
Institutionell sind die Wenden/Sorben nicht völlig selbstbestimmt. Weder verfügen sie über eigene Bildungsträger, die unabhängig über Lehrpläne, Ausbildungsinhalte und Personal entscheiden könnten, noch über ein eigenständiges Mediensystem mit redaktioneller Autonomie und angemessener Finanzierung. Die kulturellen Einrichtungen sind in die Verwaltungsstrukturen der Mehrheitsgesellschaft eingebettet und unterliegen deren politischen Prioritäten.
Vielleicht anschaulicher: Ich habe Niedersorbisch am Niedersorbischen Gymnasium in Cottbus gelernt. Damals war das eine deutsche Schule mit Niedersorbisch als zweiter Fremdsprache. Muttersprachler gab es im Jahrgang vielleicht zwei oder drei. Ob das heute noch so ist, kann ich nicht beurteilen. Der Nutzen der Sprache war uns Schülern nicht klar, in einer deutschen Welt mit deutschen Arbeitgebern und deutschen Medien.
Die objektiv betrachtet spärlichen Mittel reichen aus, um eine gewisse Schadensbegrenzung zu betreiben. Man ist sozusagen auf Almosen angewiesen. Und dann wird einem vorgeworfen, dass dies Verschwendung sind. Dabei ist der Minderheitenschutz sogar staatlich festgeschrieben.
In einer ausdifferenzierten Gesellschaft ist das Sorbisch-Sein tatsächliche auch nur eine Facette der eigenen Identität. Nicht jeder will das zu seinem Beruf machen. Ich gebe zu, ich konnte mich zu Schulzeiten auch nicht so richtig für das Thema erwärmen. Wir haben uns gefragt: Wozu das Ganze? Die ganze Frage nach „Ethnie“ und „Volk“ kam uns suspekt vor und roch nach Nationalismus.
Man könnte argumentieren, dass die strukturellen Abängigkeiten auch das Identifikationpotenzial beeinträchtigen können und dazu führen, dass viele junge Menschen ihre kulturelle Zugehörigkeit als privat empfinden und nicht als gestaltbar.
Wenn Institutionen nicht souverän agieren können, bleibt der Raum für kollektive Gestaltung auf der Strecke. Kultur wird dann nicht als etwas erlebt, das man mitentwickeln, verändern oder prägen kann, sondern als etwas Vorgegebenes, von außen Organisiertes.
Was also tun? Geld allein wird das Problem nicht lösen. Das Bild von der betreuten Minderheit ist schädlich, aber in den Köpfen fest verankert. Wir müssten hin zu einer Welt, in der Sorben gleichberechtigt auftreten in einem vielsprachigen, kulturell komplexen Deutschland.
(Update, 16.07., 21:00 Uhr: Leicht umgestellt nach einer Anmerkung von Daniel Häfner. Danke, Daniel!)
(Update, 22.07.: Offenbar soll der Studiengang nicht in Cottbus, sondern in Senftenberg angesiedelt werden.)
Foto von Christina Brinza bei Unsplash