Mark Lynas ist Autor, Journalist und Vollblut-Umweltaktivist. In den neunziger Jahren half er dabei, gentechnisch veränderte Lebensmittel zu dämonisieren und die irrationalen Ängste in der Bevölkerung aufzubauen, mit denen wir es heute zu tun haben. Das war falsch, wie er heute weiß: „Als ein Umweltschützer und jemand, der glaubt, dass jedermann das Recht auf eine gesunde und nahrhafte Ernährung seiner Wahl hat, hätte ich keine kontraproduktiveren Weg einschlagen können."^[1]^ Mark Lynas sprach kürzich bei der Oxford Farming Conference über die Gründe, wegen der er noch bis 2008 Gentechnik auf dem Acker komplett ablehnte und entschuldigte sich vor versammeltem Publikum für diese Fehleinschätzung. Der Vortrag wurde aufgezeichnet und ist sehr sehenswert (bzw. lesenswert ist auch die deutsche Übersetzung).

 

Mark Lynas sprach am 3. Januar 2013 auf der Oxford Farming Conference (Video, Transkriptum und Diskussion hier in Lynas' Blog).

Wider den wissenschaftlichen Analphabetismus

Was ist passiert? Warum hat Lynas seine Meinung geändert? Er sagt: „Die Antwort ist ziemlich einfach. Ich habe die Wissenschaft entdeckt."

Lynas hatte immer besonderes Interesse an der globalen Klimaveränderung und verfasste inzwischen zwei Bücher zu dem Thema, eines davon wurde sogar preisgekrönt. Er erlernte bei seinen Recherchen das Arbeiten mit wissenschaftlicher Literatur, wie etwa die formale Präsentation in Fachzeitschriften, das Peer Review. So zeigte sich, dass die Theorie der menschengemachte Klimaerwärmung von einem breiten wissenschaftlichen Konsens gestützt wird, ganz im Gegensatz zur Verteufelung der Gentechnik.

Zu seiner Überraschung wurden die Standpunkte, die er fast zwei Jahrzehnte zusammen mit Nichtregierungsorganisationen (NGOs) wie Greenpeace, Friends of Earth und Co. lautstark vertrat, nicht von der Literatur getragen. Die sagte nämlich oft genau das Gegenteil von dem, was die selbsternannten Weltenretter behaupteten. Beispielsweise verbrauchen insektenresistente Feldfrüchte weniger Pestizide, und nicht etwa paradoxerweise mehr. So nützt Gentechnik auch direkt den Bauern, deren Kosten sinken und Erträge steigen, und nicht ausschließlich den großen Konzernen. In Indien und Brasilien wurden Gentechnik-Samen illegal ausgesät, weil sie so begehrt waren, es stimmt also nicht, dass niemand Gentechnik will. Die gefürchtete Terminator-Technologie, bei der die Samen der Gentech-Pflanzen steril sind, ist einfach nicht existent. Und auch was die Sicherheitsfragen angeht, gibt es keine wirklich offenen Fragen mehr: Gentechnik ist nicht etwa „unnatürlich" und damit automatisch gefährlich, im Gegenteil ist „Natürlichkeit" kein Grund, etwas abzulehnen, und es hat keinen einzigen Fall gegeben, bei dem eine Person durch den Verzehr von grüner Gentechnik zu Schaden gekommen wäre. 

Während die Umweltschutzbewegung also den wissenschaftlichen Konsens in Bezug auf die Klimabewegung unterstützt, lehnt sie ihn in der Biotechnologie ab. Diese Dissonanz ist Mark Lynas förmlich ins Gesicht gesprungen und er hatte die Größe, seine Fehler zuzugeben, seine Position zu überdenken und sie der Realität anzupassen. 

Wissenschaft spielt bei der Position der NGOs praktisch keine Rolle

Das alles ist aber für die institutionalisierten Umweltschützer kaum von Bedeutung, denn deren Standpunkt wird zentral vor allem durch zwei einfache Motive gestützt: Erstens, die Biotech-Industrie (verkörpert durch das Feindbild des US-Konzerns Monsanto) Milliarden an der Gentechnik, und das könne nicht gut sein. Zweitens, die Technologie an sich sei gefährlich, weil sie anders als Züchtung unnatürlich sei.

Die Realität ist natürlich etwas komplexer, aber dadurch weit weniger bequem. Das erste Argument appelliert an das Gefühl der Machtlosigkeit, das einen gegenüber multinationalen, gesichtslosen, profitorientierten Konzernen schnell überkommt. Jeder, der schon einmal schlecht von der deutschen Bahn behandelt wurde und sich darüber beschweren wollte, weiß, was ich meine. Dabei werden Seife und Autos auch von dieser Art von Industrie gebaut, und niemand ist deshalb gegen Hygiene oder das Rad. Allein die Profitorientiertheit oder Größe der Branche ist kein hinreichender Grund, etwas abzulehnen. Über Jahre hinweg wurden aus einem falschen Vorsichtsgedanken heraus riesige bürokratische Hürden aufgebaut und immer weiter erhöht, bis diese nur noch von großen Konzernen überwunden werden konnten. Zulassungsverfahren, die sich über zehn Jahre hinziehen und dabei viele Millionen kosten, schließen kleine und mittlere Unternehmen, sowie den öffentlichen Sektor völlig aus dem Spiel aus. Hier gibt es einige Parallelen zum Pharma-Sektor. Allerdings wäre im Bereich Biotechnologie -- ganz im Gegensatz zu Pharma-Bereich -- eine Deregulierung und Entbürokratisierung sinnvoll, um den Markt für die Kleinen zu öffnen und die Großen wie Monsanto zu schwächen. 

Das zweite Argument klassifiziert alles „natürliche" als „gut", und das passt eigentlich ganz gut zu den Umweltschutzorganisationen. Das Problem ist aber, dass man schon vor einigen Jahrhunderten erkannt hat, dass ein bereits existierender Zustand kein Maßstab für eine moralische Norm sein kann. Dieser Denkfehler hat sogar einen eigenen Namen bekommen: es ist der naturalistische Fehlschluss oder das Sein-Sollen-Problem. Es ist also ganz egal, ob Gentechnik natürlich ist, oder nicht: Letztendlich müssen wir die Vor- und Nachteile ganz individuell abwägen und entscheiden, ob wir damit damit Gutes tun können. Grundlage für diese Entscheidungen sind Erkenntnisse aus der Wissenschaft.

Infolge der übertriebenen Angst vor der Gentechnik gab es immer wieder „Feldbefreiungen", bei denen auch aus öffentlichen Geldern finanzierte und nicht-kommerzielle Projekte sabotiert wurden, wertvolle Forschungsergebnisse gingen dabei verloren und sogar von tätlichen Übergriffen auf Wissenschaftler wurde berichtet. 

Dabei bieten bereits heute verfügbare Merkmale viele Umweltvorteile, vor allem eine Reduzierung der benötigten Ressourcen. Lynas sieht sie als Werkzeug, um das Problem der globalen Nahrungsmittelversorgung zu überwinden. 

Gibt es Hoffnung?

Die Opposition gegen Gentechnik ist also politisch und emotional motiviert, und basiert nicht auf den Befunden, die die Wissenschaft in den letzten Jahren produziert hat. Die Umweltschutzbewegung hat sich in ihrer Anti-Position festgefahren und wird ihre Probleme haben, aus ihrer wissenschaftsfeindlichen Haltung herauszufinden. In Deutschland gehen die Bündnis-Grünen mit der Angstmacherei auf Stimmenfang, allen voran MdB Harald Ebner, „Fraktionssprecher für Agrogentechnik", der selbst einer Fäule-resistenten Kartoffel mit einem verpflanzten Wildkartoffelgen nichts abgewinnen kann

Man kann natürlich über diese Leute lachen, aber die Vergangenheit hat gezeigt, dass es gefährlich werden kann, wenn Personen mit antiwissenschaftlichen Ansichten in Schlüsselpositionen gelangen. In Südafrika war für lange Zeit eine Regierung an der Macht, die die Existenz von HIV/AIDS leugnete, infolgedessen starben sinnlos tausende Menschen. Wir mitteleuropäischen Wohlstandsmaden können es uns hier und heute leisten, gegen „Gene" zu demonstrieren, teuer Bio zu essen, dessen höherer Landverbrauch zu Lasten der Wildnis und unserer endlichen irdischen Ressourcen geht.[2] In anderen Regionen der Welt sieht es anders aus. Unsere antiwissenschaftliche Position geht indirekt gegen diejenigen, denen es selbst an Essen fehlt. 

Wie geht es also weiter? An die NGOs und Aktivisten gerichtet, sagte Lynas: „Ihr könnt an euren Ansichten festhalten, aber diese sind nicht durch Wissenschaft gestützt". Er spricht sich dafür aus, dass man mit den NGOs in einen Dialog tritt. Die Chance, dass die Organisationen ihre Position ändern, wäre vorhanden, bei ihm hätte es schließlich auch geklappt. Greenpeace sei schließlich nicht der Papst und müsse nicht 2000 Jahre lang dasselbe sagen, die verlorenen 15 Jahre wären schnell aufzuholen.

Ich bin weniger optimistisch, denn der Community-Aspekt unter den Umweltschützern spielt sicher eine nicht zu unterschätzende Rolle. Abweichler werden schnell als Ketzer gebrandmarkt, wie es Anti-Gentech-Aktivistin Dr. Vindana Shiva auch mit Mark Lynas tat und twitterte:

Wenn Mark Lynas sagt, Bauern sollten frei Gentech-Pflanzen anbauen können, die Bio-Betriebe kontaminieren könnten, dann ist das wie zu fordern, Vergewaltiger sollten frei vergewaltigen können. ^[[3]]^

Das ist das Niveau, auf dem Aktivisten argumentieren. Ich habe wenig Hoffnung, dass sich diese Leute je überzeugen lassen oder Interesse haben, sich über die Fakten zu informieren. 

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Anmerkungen

[1] Mark Lynas: „As an environmentalist, and someone who believes that everyone in this world has a right to a healthy and nutritious diet of their choosing, I could not have chosen a more counter-productive path. I now regret it completely."

[2] Nach nochmaligem Lesen empfinde ich den Satz als missverständlich, er gibt nich wider, was ich meinte. Was gemeint war: Mit dem derzeitigen Stand der Bio-Landwirtschaft wird man kaum die gesamte Welt ernähren können. Wenn sich die Bio-Bewegung weiterhin stark an der Wissenschaft und vor allem an Ökologie und Biologie orientiert, kann sich das aber auch ändern. In jedem Fall wird sich die Landwirtschaft der Zukunft stärker am Biolandbau und weniger an einfachen chemischen Input/Output-Formeln orientieren müssen, um Umweltschäden zu minimieren. Momentan ist aber der Mehrbedarf an Land nicht weiter schlimm, denn in Europa haben wir mehr als genug brachliegende Flächen. Und nicht jede Bio-Feldfrucht hat einen höheren Flächenbedarf. Allerdings ist weder die Bio-Landwirtschaft noch Gentechnik ein Patentrezept, um die „ideale Landwirtschaftsform" zu entwickeln, wird man sich irgendwo in der Mitte treffen müssen. 

[3] Vandana Shiva auf Twitter: „#MarkLynas saying farmers shd be free to grow #GMOs which can contaminate #organic farms is like saying #rapists shd have freedom to rape" 

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