In dieser Kontroverse spiegeln sich die Grundsatzfragen der niedersorbischen Community wider

Text Sorbian

Irgendjemand liegt immer mit jemand anders überkreuz in Sorbistan! Es sind bestenfalls noch ein paar hundert übrig, die die niedersorbische Sprache aktiv sprechen, ein paar Tausend, die aktiv Bräuche pflegen und sich „als Wende fühlen“. Inmitten der strategischen Planung einer möglichen Revitalisierung fühlen sich kulturpolitische Diskurse deshalb schnell bedrohlich an.

So ist es auch mit der Auseinandersetzung, die über das Filmwerk des Regisseurs Erik Schiesko ausgebrochen ist. Literatur- und Kulturwissenschaftler Willi W. Barthold hat letztes Jahr in einem akademischen Sammelband im wissenschaftlichen Transcript-Verlag Schieskos Filmreihe „Serbska Utopija“ analysiert (Übersetzung hier im Blog). Im Nowy Casnik und auf seiner Website hat Daniel Häfner nun eine scharfe Replik veröffentlicht. Zwei sehr unterschiedliche Perspektiven, Tonlagen und Kontexte.

Mich treibt nun seit Tagen um, was sich aus der Debatte mitnehmen lässt. Ist es ein Gelehrtenstreit? Sind verletzte Gefühle im Spiel? Oder tritt hier ein Konflikt zutage, der in der Community brodelt, seitdem sie sich die Identitätsfrage stellt: Was ist sorbisch oder wendisch?

Eins vorweg – ich fühle mich berufen, hier öffentlich auf dem Thema herumzudenken, weil ich gewissermaßen einen doppelten Blick darauf habe: Als Wissenschaftler und Journalist, die Sprache aktiv lernend und Liedgut pflegend, mit sämtlichen Wurzeln in der wendischen Lausitz, aber seit über 20 Jahren in Berlin lebend.

Ich bin Adressat sowohl von Schieskos Filmen als auch von Bartholds aufgeworfenen Konflikten zwischen „Stadt vs. Land“ und „Vergangenheit vs. Zukunft“. Beide gehen an meiner Lebensrealität vorbei.

Was Barthold den Filmemachern vorwirft

Barthold arbeitet heraus, was mich auch schon lang an der sorbischen Debatte stört, insbesondere in den Außenansichten. Nämlich, dass das Sorbische etwas Archaisch-Mythisches ist, dass man nicht ohne den Rückgriff auf das Ländliche, Vormoderne auskommt.

Barthold spricht in Bezug auf Schieskos Filme sogar von einem „Deckmantel der progressiven Utopie“. Tatsächlich wird in Schieskos Filmen – ein zweiteiliger Rahmen für ein Sammelsurium von Kurzfilmproduktionen – eher ein dystopisches Bild gezeichnet. Das Sorbische ist hier eine untergehende Hochkultur, in der Zukunft besinnt man sich auf das Alterhergebrachte und den Wert des Vergessenen – die gute, alte Zeit – zurück.

In den „Serbske Nowiny“ (26.03.2026) heißt es dazu in einem Kommentar von Marcel Brauman:

Im futuristischen Stoff erscheint darin eine gewisse Idealisierung alter Geschichten und Mythos und die Sehnsucht nach vergangener Harmonie, was der eine oder andere als traditionell, antimodern oder kreativ bewerten könnte.

Es liegt also im Auge des Betrachters, die Botschaft der Rückbesinnung muss auch nicht falsch sein. Doch die Grundbeobachtung, und dass die Bilder in scharfem Kontrast zum „Utopie“-Titel stehen, hat Barthold scharf herausgearbeitet, und jeder kann dies bestätigen, der die Filme gesehen hat. Dass die Protagonistin „Hanka“ stumm bleibt, wird zutreffend problematisiert, war mir auch aufgefallen, ist aber zur Interpretation offen.

Auch die Einordnung in den historischen Rahmen fand ich nützlich. Die Frage, ob das Sorbische nur in Abgrenzung zu anderen Kulturen existieren kann oder sich der Mehrheitsgesellschaft voll öffnen muss, ist demnach schon alt. Sie geht auf die Thesen von Jakub Bart-Ćišinski zur Zeit der „nationalen Erweckung“ im 19. Jahrhundert zurück, der für eine Art sorbische Insel plädiert hat. Kito Lorenc hat diese Erzählung infrage gestellt, sich gegen das „Inseldenken“ ausgesprochen und eine Öffnung der Kultur befürwortet.

Barthold verrät seine These allerdings bereits in der Einleitung seiner Arbeit, bevor er mit der Analyse überhaupt beginnt. Das finde ich zumindest schräg, aber durch diese Linse betrachtet er konsequent das gesamte Material, sucht sich daraus die Belege für seine Idee heraus und spinnt sie assoziativ weiter.

Es bleibt nicht dabei, dass Barthold auf den vermeintlichen Konflikt zwischen ländlich-rückständiger und städtisch-fortschrittlicher Welt hinweist. Anschließend arbeitet er auch einen Essentialismus heraus, also die Vorstellung, dass sich das Sorbische auf einen unverrückbaren Wesenskern reduzieren lässt.

Die Abstammung und die Verhaftung in einem Stammgebiet, wie bei indigenen Völkern, spielt dabei eine entscheidende Rolle. Und diese Idee sei anschlussfähig für jene, die „ethnonationalistisches Denken“ (Fußnote Nr. 21) propagieren, also die politische Neue Rechte.

Manche dieser Beobachtungen mögen für Beteiligte unbequem sein, das allein macht sie nicht falsch. Vieles davon fällt den Leuten auf, die sich erstmals mit den Sorben beschäftigen.

In diesem Zusammenhang verweist Barthold aber in einer biografischen Fußnote darauf, dass der Filmemacher Videos für einen Rapper produziert hat, der heute angeblich mit solchem Ethnonationalismus auffällt. Schiesko sozusagen duech Kontaktschuld in ein "rechtes" Licht zu rücken, ist ein schwerer Vorwurf in einer solch kleinen Community und von Daniel Häfner kritisiert.

Was Häfner daran auszusetzen hat

Daniel Häfner, selbst Politik- und Kulturwissenschaftler, ist seit mehr als zehn Jahren engagiert in der sorbischen Community, auch über aus der öffentlichen Hand geförderte Projekte. Ich habe schon mit ihm zusammengearbeitet, für eine Broschüre und eine Ausstellung zum Blaudruck.

In einem Blogpost auf seiner Website nimmt er ausführlich Stellung, allerdings anders als Barthold nicht unabhängig begutachtet und nicht in einem wissenschaftlichen Verlag.

Sein Kernvorwurf: Barthold konstruiere Befunde in das Filmmaterial hinein, die dort nicht vorhanden sind, und blende aus, was nicht passt. Hier wird es interessant, denn viele der Vorwürfe lassen sich erhellen, indem man sich die Filme noch einmal ansieht. Beide Teile sind in der ARD-Mediathek verfügbar (Teil 1 und Teil 2).

An den Kostümen der „Androiden“ bzw. „Kosmonauten“ sollen sich Trachtenteile und bäuerliche Elemente befinden. Barthold baut darauf eine zentrale Argumentationslinie auf. Stimmt das? Häfner weist das zurück.

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Ich habe selbst nachgeschaut. Im Film ist zu sehen, dass zwei der drei Figuren Jeans-Overalls tragen, eine dritte eine gelbe, hoch geschnittene Hose. Das ist so ziemlich das Gegenteil einer Tracht. Alle drei tragen aber jeweils ein Blaudruck-Kleidungsstück: eine Schürze (verkehrt herum getragen), ein Kopftuch und ein über der Brust gebundenes Tuch. Wird hier auf Tradition und Althergebrachtes angespielt? Bestimmt. Handelt es sich um Trachtenteile? Im engeren Sinn sicher nicht, zumindest kenne ich keine Trachten, die spezifisch diese Teile enthalten würden.

Ein zweiter von Häfner kritisierter Argumentationsstrang Bartholds bezieht sich auf einen der Kurzfilme. In der Krabaterzählung „Krabat 3000“, die sich an der eingedeutschten Veriante von Otfried Preußler orientiert, überwinden die Menschen der Lausitz in einer postapokalyptischen Welt eine böse Macht (den bösen Müller) und leben fortan in einer Siedlung, die wie ein Bienenstock aufgebaut ist. Barthold leitet aus dieser architektonischen Beschreibung über mehrere Assoziationssprünge eine Verbindung zur Volksgemeinschaft und völkisch-nationalistischer Literatur ab, konkret zur „Biene Maja und ihre Abenteuer“ von Waldemar Bonsels (1912). Wie völkisch dieses Buch ist, kann ich nicht sagen, da ich es nicht gelesen habe.

Doch im Film falle weder das Wort Hierarchie noch Sorben, sagt Häfner. Tatsächlich ist im Film stets von „Menschen der Lausitz" die Rede. Die Filmsprache ist niedersorbisch, aber explizit werden die Sorben an keiner Stelle erwähnt. Es heißt zum Schluss:

„Zusammen pflanzten sie an der Stelle der Schwarzen Mühle eine Linde. Der Baum wuchs über die Jahre zu einer riesigen Größe heran. Um ihn herum und in seinen Ästen wurde eine Stadt ‚Nowa Lusatia‘ errichtet, die wie ein Bienenstock aufgebaut war. Einige Jahre später kehrten auch die Störche in die Lausitz zurück und das Land begann zu heilen. Es wurde zu einem Vorbild für andere Völker und Stämme. Endlich wurde die Weisheit vieler Generationen genutzt, um in Harmonie mit der Welt und sich selbst zu leben.“

Dass von „Völkern und Stämmen“ und nicht einfach nur von Kulturen und Menschen die Rede ist, lässt durchaus einen Beigeschmack bei mir zurück. Die Formulierung klingt nach einer vormodernen, ethnisch definierten Weltordnung.

Bartholds Gedankensprung geht aber deutlich weiter: Er folgert, dass in dieser Welt „das sorbische Volk einen festen Platz einnimmt“, was eine Einheit von Raum, Volk und Kultur suggeriere, „die keine ethnische und kulturelle Pluralität innerhalb eines Territoriums zulässt.“ Diesen Schluss finde ich problematisch, denn er ist nicht zwingend. Dass eine Welt in Völker und Stämme eingeteilt ist, bedeutet nicht automatisch ethnische Homogenität und geschlossene Territorien. Man kann sich durchaus Völker mit durchlässigen Grenzen vorstellen, die Mischformen zulassen und Flüchtlinge aufnehmen – was der Film mit dem Clan „Nest“ der Heldin sogar zeigt. Barthold setzt stillschweigend voraus, was er eigentlich erst belegen müsste. Daraus eine geschlossene Ideologie zu konstruieren, überdehnt das Material meiner Meinung nach.

Warum beim Begutachtungsprozess der wissenschaftlichen Arbeit niemandem aufgefallen ist, dass in einem Bienenstock keine Hierarchie herrscht, sondern eine hochgradige Arbeitsteilung, ist mir als Biologe schleierhaft. Bartholds Assoziation greift auf falsche Vorannahmen zurück, wie Häfner richtig feststellt.

Ausgeblendete Elemente: Dass die Hip-Hop-Gruppe „kolektiw klanki“, ein „queerer Clubflirt“ und urbane Kontexte als „von geringer Relevanz“ lediglich in den Fußnoten vorkommen (Fußnote 52), ist unzweifelhaft. Ist das, wie Häfner sagt, wissenschaftlich unredlich? Oder ist es in den Kulturwissenschaften normales Arbeiten?

Hexenverfolgung als alternative Lesart: Die Rahmenhandlung in „Serbska Utopija 2“ könnte eine individuelle Geschichte sein, nicht zwingend eine kollektive Aussage über „die Sorben“, sagt Häfner. Solche alternativen Lesarten hat Barthold nicht vorgestellt, insofern ist die Kritik auch hier zutreffend.

Raumschiff als Entgrenzung: Ein ins All fliegendes Raumschiff als Beleg für rurale Begrenzung zu lesen, ist zumindest erklärungsbedürftig. Tatsächlich geht Barthold in seiner Assoziation aber weiter und deutet das Raumschiff als Beleg für die These, Krisen durch Rückbesinnung auf altes Wissen zu überwinden – bis hin zum Leben im All. Hier geht die Kritik Häfners an der Sache vorbei.

Wo Häfners Kritik aber meiner Meinung nach überschießt, ist der Vorwurf der „wissenschaftlichen Unredlichkeit“, denn das impliziert Vorsatz, der sich schwer nachweisen lassen dürfte. Auch die Forderung, dass andere Publikationen von Barthold zu prüfen seien, geht über Sachkritik hinaus, genauso wie die Spekulation, dass Barthold ein „Karriere- und Business-Modell“ aufbauen wolle.

Warum jeder so agiert, wie er es tut

Gegenüber Marcel Braumann von den obersorbischen „Serbske Nowiny“ (siehe oben) sagte Barthold, dass er weder dem Film noch dem Filmemacher eine rechte Agenda unterstelle. Dass er formal und methodisch sauber gearbeitet hat, darauf weist der einfache Fakt hin, dass wie in wissenschaftlichen Publikationen üblich drei unabhängige Gutachter die Arbeit geprüft haben.

Was ich aber zweifelhaft finde – unabhängige Gutachten hin oder her –, ist, dass Motive überinterpretiert werden, Gegenbelege in Form von irrelevanten Filmteilen ignoriert werden und Intention unterstellt wird, wo in einem solchen Sammelfilm-Format Zufall und Chaos herrschen.

Die Reaktion Häfners in seinem polemischen Beitrag erscheint mir nur allzu nachvollziehbar. Für ihn ist ein konkretes Kulturprojekt nicht einfach ein Gegenstand, den man mal eben für eine akademische Fingerübung benutzen kann. Er hat allen Grund, das persönlich zu nehmen: Er ist Teil der niedersorbischen Gemeinschaft von Kulturschaffenden, kennt vermutlich sämtliche Beteiligten und war sogar in Teil drei der Serie als Statist eingebunden.

Bei einer Community dieser Größe kann ein Neurechts-Vorwurf, wie er in der Publikation formuliert wird, reale Konsequenzen haben. Welche staatliche Stelle wird einem als völkisch etikettierten Projekt Fördermittel geben? Kooperationspartner könnten Abstand nehmen, Schieskos Reputation leiden. Meiner Meinung nach schwächt Häfners Polemik aber seine guten sachlichen Einwände.

Klar ist: Beide reden aneinander vorbei. Der eine analysiert ein Werk nach einer bestimmten Denktradition mit bestimmten formalen Anforderungen. Der andere kennt die Absichten und die Menschen dahinter und nimmt eine grundsätzlich andere Perspektive ein.

Interessant wäre Schieskos Sicht auf die Dinge: Wie hat er die herausgearbeiteten problematischen Aspekte in seinen Filmen reflektiert, in welchem Verhältnis steht er zu Barthold, wie bewertet er die Anwürfe gegen seine Person und wie fühlt es sich an, wenn permanent nicht mit, sondern über ihn gesprochen wird?

Was mich als Empiriker befremdet

Da ist zunächst eine Stilfrage, denn die Sprache des Aufsatzes ist stellenweise schwer zu durchdringen. Lange Schachtelsätze, endlose Reihen von Substantiven, inflationäre Anführungszeichen, Häufungen von Fachbegriffen, die keinen wirklichen inhaltlichen Mehrwert haben, sondern nur markieren, in welchen Denkschulen der Autor sich bewegt – besonders zu Beginn und am Ende des Aufsatzes. Bösartig ausgelegt kann ein schwer lesbarer Stil als Immunisierung gedeutet werden: Wer den Inhalt nicht versteht, kann ihn schließlich auch schlechter kritisieren. Kann aber gut sein, dass das in den Kultur- und Literaturwissenschaften einfach normal ist. Ich mag es trotzdem nicht.

Viel wichtiger: In meiner Welt muss eine Hypothese falsifizierbar sein. Ich finde es irritierend, wenn das wie hier nicht gilt. Mir ist es fremd, wenn frei assoziiert wird, wenn man sich nicht auf nach bestem Wissen objektivierte Daten und Befunde stützt, also am besten alle „Störquellen" ausschaltet, die die Ergebnisse beeinflussen könnten – und stattdessen Beispiele selektiv heraussucht, die die von vornherein feststehende These nur illustrieren sollen. Bei uns nennt man das „Cherry Picking“ und wird von wissenschaftlichen Gutachtern sofort abgeräumt.

In Diskussion mit Freunden und einem LLM habe ich mir erklären lassen, dass Barthold „poststrukturalistisch“ argumentiert, wobei die Autorenintention irrelevant ist. Das bedeutet, dass ein Werk keine feste, „richtige“ Bedeutung hat, sondern dass diese Bedeutung erst beim Konsum entsteht. Barthold ist damit relativ frei darin, zu den kulturellen Themen, Bildern oder Erzählmustern des Films Anknüpfungspunkte zu finden.

Außerdem arbeitet er „rezeptionsästhetisch fokussiert“: Er stellt die Wirkung auf den Betrachter in den Mittelpunkt – nicht den Autor und nicht den Text an sich.

Was ich mir gewünscht hätte und was dem Material sicher gerechter geworden wäre: Gegenlesarten und alternative Rezeptionen zu erkunden und vor allem die eigenen Vorannahmen zu reflektieren. Denn wie Häfners Gegenrede zeigt, lassen sich viele Motive auch völlig anders interpretieren. Der Erkenntnisgewinn fällt bei unbeteiligten Dritten wie mir gering aus.

Wie das bei mir ankommt

Begriffe wie Essentialismus, Territorialansprüche und Abgrenzung bedeuten im Minderheitenkontext etwas anderes als im Mehrheitsdiskurs. Wenn eine bedrohte Minderheit wie die Sorben darauf besteht, dass ihre Identität bewahrenswert ist, hat das einen anderen Sound als der Ethnonationalismus einer Mehrheitskultur.

Das Territorium – das sorbische Siedlungsgebiet – ist Existenzgrundlage für einen zusammenhängenden Raum des Austausches und dafür, die Kultur zu praktizieren. Den essentiellen Wesenskern des Sorbischen muss wohl jeder für sich selbst herausfinden, aber ohne ihn gäbe es keinen Grund, am Sorbischen festzuhalten. Ohne Abgrenzung zum Deutschen löst sich das Sorbische in der es umgebenden und inzwischen durchdringenden Mehrheitsgesellschaft auf.

Das sind existenzielle Fragen. Was sind die realen Kosten der „Entgrenzung“ für eine Gemeinschaft, deren letzte Muttersprachler gerade sterben? Wer profitiert von einer kulturellen Öffnung? Die Sorben oder die Mehrheitsgesellschaft?

Das meine ich, wenn ich sage, dass sich in dem Konflikt die Debatte spiegelt, wie eine „Wiederauferstehung" des Niedersorbischen aussehen soll.

Wenn man einer bedrohten Minderheit vorwirft, sich an ihre Identität zu klammern, frage ich: Was, bitteschön, ist denn die Alternative? Von einer Dominanz des Sorbischen kann nicht die Rede sein. Ein Wende zu sein ist bekanntlich traditionell gleichbedeutend damit, ein rückwärtsgewandter, ungebildeter Bauer zu sein – nichts, was man in der modernen Welt gern ist.

In anderen Worten: Barthold scheint das alles als deutscher Wissenschaftler aus der hegemonialen Perspektive der Mehrheitsgesellschaft zu betrachten und vergisst dabei die Minderheit selbst. Das finde ich bemerkenswert, weil er in seiner Arbeit auf postkolonialistisches Wortbesteck zurückgreift. Dazu gehören Denkfiguren, die Machtasymmetrien hervorstreichen, er übt Hegemoniekritik und bringt die Idee der Exotisierung als „edler Wilder“ hervor, die bis hin zur Selbstexotisierung führe. Was aber zur Selbstexotisierung führt, hinterfragt er in einem nächsten Schritt nicht mehr.

Nicht falsch verstehen – die (ermüdende) Identitätsdebatte muss die sorbische Community führen. Viele der von Barthold aufgeworfenen Fragen sind legitim und interessant. Der Grat zwischen legitimer Abgrenzung zum Selbsterhalt und problematischer Abschottung ist schmal. Soweit ich erkennen kann, stellt Barthold genau diese Frage aber nicht, obwohl sie sich in seinem eigenen analytischen Rahmen geradezu aufdrängt.

Auf dem Papier ist die Frage nach dem „richtigen Sorbischsein“ einfach, denn hier gilt die Bekenntnisfreiheit. Doch die sorbische Herkunft spielt trotzdem immer wieder eine Rolle.

Das merke ich selbst, wenn anerkennend gelobt wird, dass ich ja irgendwie ein „echter“ Sorbe sei, weil meine Ururgroßeltern wohl alle noch wendische Lausitzer waren. Auch Barthold verweist in einem RBB-Beitrag zum Antritt seiner Stelle am Sorbischen Institut auf seine „sorbischen Wurzeln“.

Was eine interessantere Frage gewesen wäre

Statt Assoziationsketten hätte mich eine empirisch beantwortbare Frage interessiert: Wer fühlt sich eigentlich von diesen Filmen angesprochen? Erreichen sie junge, städtische, weltgewandte Sorben und Wenden? Oder bleiben sie in einer Blase der „Berufs- und Hobbysorben“, wie es immer wieder heißt?

Eine kleine Rezeptionsstudie, also eine Befragung unter sorbischen Kulturträgern, hätte mehr Erkenntnisgewinn gehabt als Bartholds gesamter Deutungsapparat. Daraus hätte auch der Filmemacher selbst wichtige Schlüsse für künftige Projekte ziehen können.

Am Ende bleibt bei mir ein fahler Beigeschmack. Einerseits fühle ich mich als Teil dieser Community, und meine Wahrnehmung scheint keine Rolle zu spielen. Andererseits bin ich es müde, dass sorbische Kultur in welcher Form auch immer als Objekt dient, an dem man sich bedienen kann, ohne die Konsequenzen mitzudenken.

Das fängt beim Spreewaldkrimi an, der bei der Mythisierung und Exotisierung der slawischen Kultur in Südbrandenburg kräftig mitmacht. Und es geht bis hin zur Forschung, die formal korrekt sein mag, aber den akademischen Nutzen über den Schaden zu stellen scheint, den sie in einer kleinen Gemeinschaft anrichtet.

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