Beim Lernen von Niedersorbisch/Wendisch läuft vieles anders als bei großen Sprachen. Es gibt zum Beispiel keine „Heimatregion“, in der man dazu gezwungen sein könnte, die Sprache im Alltag mit Einheimischen zu benutzen. (Der Schulunterricht in der Region findet seit jeher auf Deutsch statt, daher kann inzwischen jeder Wende der Niederlausitz auch deutsch.)
Dann gibt es auch keine Handy-App wie Duolingo oder Babbel, die einen spielerisch an die Sprache heranführt, und kaum Medien wie Serien, Spielfilme oder Podcasts, mit denen man die natürliche Sprache erleben könnte. Dennoch gelingt der Einstieg – man muss sich nur mit einem etwas spärlicheren Angebot begnügen. Und das Lernen lohnt sich, insbesondere für alle, die noch keine slawische Sprache beherrschen oder Lust auf Horizonterweiterung haben.
Hier eine Liste mit Ressourcen, die vielleicht für alle hilfreich ist, die noch auf der Suche sind.
Eine App gibt es zwar nicht, aber die Website „Sorbisch Online Lernen“ bietet einen Online-Kurs für Anfänger bis zur Stufe B1, der ein spielerisches Konzept verfolgt. Die Comic-Story vermittelt neben natürlicher Sprache auch kulturellen Kontext. Die Navigation und Bedienung ist etwas gewöhnungsbedürftig, und wer bereits Vorkenntnisse hat, dem könnte der Fortschritt zu langsam sein.
Wer den Kurs abgeschlossen hat, kann zur Festigung der Grammatik die Übungen von „Kšac pó kšacu“ des Witaj-Sprachzentrums nutzen. Diese richten sich zwar an Schüler, doch auch Erwachsene mit Vorkenntnissen profitieren von den anspruchsvollen Lernspielen.
Eine weitere Möglichkeit bietet der Instagram-Account „Niedersorbisch Lernen“, auf dem man die Autorin beim Lernen begleiten und viel über Grammatik, Wortschatz und kulturellen Kontext erfahren kann.
„Niedersorbisch praktisch und verständlich“ von Erwin Hannusch – auch „Das blaue Buch“ genannt – gilt als Standardwerk für Erwachsene. Es ist umfassend, aber nicht ganz fehlerfrei, und die knappen Grammatikbeschreibungen sind nicht immer leicht verständlich.
Die Texte und Themen wirken teilweise veraltet, da das Buch 1999 erstmals erschien. Zwei nützliche Audio-CDs liegen zwar bei, aber das dürfte in einer Zeit, in der kaum noch jemand Abspielgeräte besitzt, vor Probleme stellen. Online-Ressourcen dazu sind nicht verfügbar.
Manfred Starosta veröffentlichte zudem das Buch „Niedersorbisch schnell und intensiv“ (1991), über dessen Qualität ich jedoch nichts sagen kann. Aktuellere Lernwerke für Erwachsene zum Selbststudium sind mir nicht bekannt.
Ein einsprachiges Wörterbuch für Niedersorbisch gibt es leider nicht. Wer kein Deutsch spricht, hat hier das Nachsehen. Für Deutschsprachige bietet dolnoserbski.de jedoch Wörterbücher in beide Übersetzungsrichtungen: das Deutsch-Niedersorbische Wörterbuch (DNW) und das Wörterbuch von Manfred Starosta (1999). Letzterem merkt man das Alter besonders bei den Textbeispielen an, in denen teilweise ein fragwürdiges Frauenbild durchscheint.
Eine Empfehlung will ich auch für das Sorbisch-Buch aus der Kauderwelsch-Reihe aussprechen, in der beide sorbischen Sprachen behandelt werden. Obersorbisch dominiert abermals (nicht jedoch das Titelbild), aber man erfährt viel über die Unterschiede und Gemeinsamkeiten.
Am effektivsten lernt man bekanntlich, wenn man mit anderen in Kontakt kommt. Wer neun Monate Zeit hat, kann ein Sprachstipendium bei „Zorja“ absolvieren. Das Projekt bildet jährlich zehn Personen in einem intensiven Sprachprogramm aus, die danach ein Niveau zwischen B1 und C1 erreichen.
Für alle, die weniger Zeit haben, bietet die Schule für Niedersorbische Sprache und Kultur in Cottbus ganzjährig Kurse in verschiedenen Schwierigkeitsgraden, Anwendungsgebieten und Kursintervallen an, auch online. Ein Highlight ist der einwöchige Kompaktkurs, der jährlich in der ersten Ferienwoche stattfindet. 2025 nahmen 100 Personen teil, ein Rekord. Der veraltete Webauftritt mit einem monolithischen PDF-Veranstaltungskalender sollte nicht abschrecken.
Die Medienlandschaft der Niedersorben ist überwiegend immer noch irgendwo im 20. Jahrhundert stecken geblieben. Die Digitalisierung geht nur langsam voran, und oft diktiert noch das Althergebrachte, wie etwas online erscheint. Das hat sicher gute Gründe, allen voran Personal- und Geldmangel.
Die Wochenzeitung „Nowy Casnik“ erscheint wöchentlich gedruckt und ist so günstig, dass ein Abo kaum Gründe dagegen zulässt. Auch die Website wird einmal pro Woche aktualisiert.
Die Kinderzeitschrift Płomje kommt einmal im Monat heraus und bietet für Lernende Übungen und Spiele, einfache Texte mit Vokabellisten und eine Witzeseite – absolute Empfehlung, auch für Erwachsene. Online sind die einzelnen Ausgaben sichtbar im Drucklayout, aber nicht etwa zentral auf der Website für die Zeitschrift, sondern versteckt im News-Seite des Witaj-Sprachzentrum. Einen RSS-Feed gibt es nur für alle Witaj-News, nicht selektiv für das Płomje-Magazin.
Das Kulturmagazin Rozhlad (erscheint monatlich) bietet neben obersorbischen wohl ab und zu auch niedersorbische Beiträge.
Der Jahreskalender Serbska Pratyja kommt jährlich heraus und bietet außer dem Kalender auch jede Menge interessanter Texte zu allen möglichen Themen. Darunter auch Rezepte, etc. – in erster Linie aber ein Printprodukt.
Bücher erhält man überwiegend im Domowina-Verlag. Antiquarisch etwa auch in der Lodka in Cottbus – vorsicht aber bei Büchern aus DDR-Zeiten: Diese folgen einer veralteten Rechtschreibung, die Lernende straucheln lassen können (es fehlen etwa der Buchstabe ó oder i ist stellenweise durch ě ersetzt worden).
Das monatliche TV-Magazin „Łužyca“ im RBB-Fernsehen ist inhaltlich und produktionstechnisch empfehlenswert, wird aber mit eingebrannten deutschen Untertiteln angeboten, was Lernenden das Anschauen erschwert.
Das tägliche niedersorbische Radioprogramm des RBB ist aufwendig produziert, inklusive Musik, Reportagen und Nachrichten. In der Mediathek findet man jedoch nur eine unübersichtliche Liste der Sendungen ohne Inhaltsangaben. Praktischer sind die kurzen Sprachbeiträge zum Nachhören – ein auf einer separaten Seite verstecktes Juwel für Lernende. Schön wäre es, wenn man das alles mal mit einem Podcatcher hören könnte. Selbst behelfen kann man sich nicht, das Herunterladen als Datei ist nirgends vorgesehen.
Was es nicht gibt: Unabhängig produzierter Stoff, also einen YouTube-Kanal oder Podcast mit regelmäßigen Inhalten und natürlicher, gesprochener Sprache. Eine Ausnahme ist das Material, das Gregor Wieczorek vor etwa einem Jahrzehnt bei Youtube hochgeladen hat. Hier kann man authentischen Sprechern zuhören und mehr über Intonation, Aussprache, Füllwörter und situative Ausdrücke lernen, als jeder derzeitige Kurs vermittelt.
Zumeist ältere Muttersprachler sind auf einigen Archivaufnahmen zu hören. Auf dolnoserbski.de sind mehr als 100 Stunden Aufnahmen aus den Jahren 2011 bis 2015 hinterlegt. Diese sind als Forschungsressource angelegt, aufwendig transkribiert und übersetzt worden. Alle Personen sind anonymisiert, Namen „ausgepiept“. Nützlich ist die Seite für Lernende vor allem, wenn sie bestimmte Wörter aus der „Dorfsprache“ suchen oder an einer „authentischen“ Aussprache interessiert sind.
Zum Durchhören der oft geschichtlich interessanten Gespräche eignet sich die Website allerdings weniger: Ein 80-minütiges Gespräch etwa erstreckt sich auf sage und schreibe 125 Einzelseiten mit jeweils 15 Zeilen Text – man muss also beim Mitlesen pro Minute mehr als einmal umblättern. Stattdessen empfehle ich, die Audiodateien lokal zu speichern und den Text mittels eines Webscrapers aus den Seiten herauszuziehen. (Ich habe das getan und kann auf Anfrage gern weiterhelfen.)
Außerdem sind bei der „Sprachkarte Niederlausitz“ Tonaufnahmen des Sorbischen Instituts aus dem Zeitraum von 1952 bis 1971 hinterlegt. Spannend ist, dass viele Sprecher noch im 19. Jahrhundert geboren wurden. Weder Transkription noch Übersetzung gibt es dafür jedoch.
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