In der Schule hätten wir das gern gehabt: Eine Sammlung all jener ungezogenen Vokabeln aus dem Wörterbuch, die mit vulg, derb, pejor oder Schimpfw markiert sind. Also ein Liste aller vulgären, herabsetzenden oder Schimpfwörter, damit wir uns möglichst fies gegenseitig beleidigen können.
Das wäre natürlich nicht im Interesse der Lehrkräfte gewesen, die uns das Sorbische am Niedersorbischen Gymnasium als eine Art Hochkultur zu vermitteln versuchten. Zugebenermaßen hätte das auch unseren Eltern nicht gefallen.
Da sich aber mein Humor nicht weiterentwickelt hat, seit ich 16 war und ich nun aber dank des Internets Zugriff auf fein sortierte und maschinenlesbare Versionen dieser Wörterbücher habe, bin ich kurzerhand selbst zur Tat geschritten.
Ich präsentiere: Das erste mir bekannte (und sicher unvollständige) deutsch-niedersorbische Schimpfwörterbuch! (Mit freundlicher Erlaubnis durch das Sorbische Institut.)
Denn wozu ist schon eine Sprache gut, in der man nicht ordentlich fluchen und schimpfen kann? Aber ganz im Ernst: Beleidigungen und Pejorativa sind Teil der Sprache, in Wörterbüchern sind sie systematisch unterrepräsentiert. Eine strukturierte Sammlung kann vielleicht helfen, die Sprache einfacher in den Alltag zu integrieren, verdammt nochmal!
Korrekturen und belegte Ergänzungen werden dankend entgegengenommen. Denn längst nicht alle bösen Wörter sind in den Quellen ordentlich als solche gekennzeichnet.
Bei einer schnellen Durchsicht fällt auf, dass es eine sexistische Schlagseite gibt. Es zeigt sich das klassische Bild. Frauen werden für ihren Körper, Sexualität und ihr Alter abgestraft. Sie sind Schlampen, ungepflegt oder liederlich. Es gibt eine Vielfalt von Schimpfwörtern, die sich auf die weiblichen Geschlechtsorgane beziehen.
Männer dagegen sind charakterschwach, Grobiane, Gauner, Aufschneider und dem Alkohol sehr zugetan. Vor allem stellen sie den Frauen nach: Für Lüstlinge und Schürzenjäger gibt es besonders viele Wörter.
Frauen scheinen im Niedersorbischen nicht viele charakterliche Defizite haben zu können, sondern vor allem moralisch-sexuelle. Das müsste man sich aber noch einmal genauer anschauen.
Wenn man sich die Personenbezeichnungen nach Quell- und Zielaspekten ansieht, wird das Bild noch etwas klarer (die Zuordnung habe ich manuell gemacht, die Grafik habe ich mit Claude Code und Python bauen lassen, sollte aber in etwa hinkommen):

Im Wörterbuch dominieren klar die Maskulina, einfach wenn durch –aŕ oder –ak aus einer Handlung ein Handelnder gemacht wird.
Männer werden deshalb besonders oft als Handelnde kritisiert, weil sie irgendwas falsch machen. Die als "direkt" markierten Ableitungen beschreiben Verhalten, wie z.B. der žeńskaŕ (einer, der den Frauen nachläuft), póžednik (einer, der begehrt), rozwólnik (einer, der zügellos ist). Die Tiere sind Bock, Widder, Bulle, zumeist steht da nicht die Anatomie im Vordergrund.
Wenn man sich den Quellaspekt "Körper" mal ansieht, dann haben sind die Männer mager oder haben große Hoden – also eher harmlos. Die Beleidigungen für Frauen beziehen sich oft auf die Geschlechtsorgane, die dann gleich auf den ganzen Menschen ausgedehnt werden. Baznawa ("hohler Stängel") funktioniert nach demselben Prinzip, nur über den Umweg eines Gegenstands. Auch wenn Frauen mit Gegensänden gleichgesetzt werden, ist das nicht besonders nett. Auch damit drängt sich ein Eindruck auf, dass Frauen eher als Objekt wahrgenommen werden. Das kennen wir auch aus dem Deutschen genauso. Die als "direkt" markierten von Verben abgeleiteten Wörter sind bei den Frauen höchstens mit dem Aspekt "Geschwätzigkeit" verbunden – da nehmen sich Männer und Frauen offenbar mal nichts.
Nur wenige Wörter tauchen als Paare auf, wo es eine männliche und eine weibliche Form gibt.
So weit ganz quick & dirty!
Weitere interessante Fragen wären: Werden die Wörter womöglich unabhängig von ihrem grammatischen Genus für beide Geschlechter verwendet? Das aus dem Deutschen entlehnte luder zum Beispiel kann offenbar für Mann und Frau verwendet werden.
Wie viel ist überhaupt aus dem Deutschen entlehnt? Es fallen hunt oder afeńc ins Auge.
Gibt es Ähnlichkeiten mit den benachbarten slawischen Sprachen? Wo sind Lücken, wofür gibt es gar keine Wörter? Gibt es systematische Wortbildungsarten, um aus einem Verb eine Beleidigung für eine Person zu machen?
Am Ende wird allerdings unklar bleiben, ob das die Sprachrealität oder die Einstellung der ausschließlich männlichen Autoren widerspiegelt. In den öffentlichen Korpora sind diese Wörter nicht vertreten, sodass es also keine neutrale Referenz gibt.
Da ich selbst nicht besonders gut programmieren kann, bin ich sehr dankbar dafür, dass es Claude Code gibt. Mit dessen Hilfe habe ich das Deutsch-Niedersorbische und das Niedersorbisch-Deutsche Wörterbuch durchkämmt:
Das alles kam in eine JSON-Datenbank, aus der ein einfaches Skript das HTML inklusive Styling generierte. Es dürften also noch Wörter fehlen – die einzige sichere Methode, sämtliche Schimpfwörter ausfindig zu machen, wäre wohl die 84.000 Einträge des DNW und die 20.000 Einträge des Starosta systematisch durchzuklicken. Nicht ganz unmöglich: Wenn man sich für jeden Eintrag eine Sekunde Zeit lässt, hätte man das in etwa 29 Stunden geschafft.
Zu guter Letzt hat mir mein künstlich-intelligenter Privatprogrammierer noch aus den Beschreibungen der Linguisten des Sorbischen Instituts einen provisorischen Graphem-zu-Phonem-Parser gebaut, mit dem ich die IPA-Lautschrift erstellt habe. Die Betonung musste ich manuell einfügen.
Nachtrag: Clemens Schmidt vom Sorbischen Rundfunk des MDR hat mich darauf hingewiesen, dass Bogumił Šwela schon mal ein „Verzeichnis niedersorbischer Schimpfnamen und Schimpfwörter“ erstellt hat. Soweit ich das entziffern kann, handelt es sich aberbei den handschriftlichen Zetteln aus dessen Nachlass eher um ein Liste von Spitz- und Spottnamen. Also sowas wie es das heute auch noch auf dem Dorf gibt, wenn Leute von „Püppchen“, „Schrott-Schulze“ oder „Ölbaron“ reden.
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