Marodierende Mähtrupps in Berlin: Wenigstens der Wegerich rebelliert

Liebes Tagebuch

Wildes Grün? Wird in Berlin immer noch niedergemacht. Als müsste es sich dafür schämen, da zu sein. Dabei leben wir mitten im Artensterben, in einem Dürrejahr mit kaum noch Insekten. Und in einer Stadt, deren letzte wilden Ecken gerade unter Neubauten verschwinden.

Regelmäßig sehe ich im benachbarten Lichtenberger Rathauspark Mähtrupps, die Wiesen bis in den letzten Winkel zerpflegen und Blühpflanzen auch unter Sträuchern den Garaus machen. Alles ohne Not, versteht sich. Niemand geht dort entlang, niemanden stört das. Es hätten nur ein paar Wildbienen etwas Futter gehabt.

Offenbar agiert die Howoge – meine Vermieterin – rund um ihr Hauptquartier an der Frankfurter Allee nicht weniger rücksichtslos. Wo heute morgen noch direkt an einer Mauer Natternkopf und Schafgarbe standen und ich sogar ein paar Ackerhummeln gesehen habe, findet sich am Abend ein Blütenmassaker.

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Was bleibt, sind ein paar welke Stängel und trockener Sand. Das passt zu der gepflasterten Riesenfläche, die sich gleich nebenan erstreckt. In einem beetartigen Kasten hat man sich sogar die Mühe gemacht, alle Wildpflanzen samt Wurzeln auszurupfen.

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Wozu das Ganze? Ob das Teil einer Aktion „unsere Stadt soll grauer werden“ ist? Oder befürchtet man bei der Howoge, dass die bösen Blüten das architektonische Gesamtwerk – grau, grau und grau – zerstören? Behindert das zarte Kraut die Feuerwehrstellfläche? Ich vermute, hier war mal wieder der unausrottbare deutsche Pflegewahn am Werk. Ordnung, Ordnung über alles.

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Einen kleinen Lichtblick gibt es. Zwar sind die Beete am Fuß des Turms flächig mit Federgras bepflanzt – ein Amerika-Import, den weder Biene noch Mensch braucht. Dessen trockene Halme werden regelmäßig mit Feuerwerk oder Zigarettenkippen in Brand gesetzt.

Es haben sich aber auch zwei prächtige Wildstauden durchgesetzt: Ein Johanniskraut und ein Wegerich. Ich bin gespannt, wann die beiden Rebellen von übereifrigen Gartenarbeitern herausgerissen werden.

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