Jedes Jahr zu Himmelfahrt heißt es, mit acht Leuten und vier Booten ein Gewässer unsicher zu machen: Paddeln, bis die Hände Blasen haben. Das alles mit Bus- und Bahnanbindung und nur einem Auto, Mittwoch Anreise, Sonntag Rückfahrt. Das klingt nach komplizierter Logistik, ist es auch. So eine Tour erfordert gute Planung.
Start- und Zielort müssen nämlich mit dem Zug erreichbar und untereinander verbunden sein: Boote, Passagiere, Gepäck und Proviant müssen am Mittwoch am selben Punkt starten. Das Auto muss zum Ziel kommen und der Fahrer in vertretbarer Zeit wieder zurück zum Anfang. Und zum Schluss müssen alle wieder zurück nach Berlin.
Außerdem kann man sich leicht ausrechnen, was acht Menschen an Essen und Getränken vertilgen – ein Einkauf auf halber Strecke oder auch etwas Gastronomie ist also Pflicht.
Dieses Jahr lautete das Vorhaben: Von Gorgast kurz vor Küstrin, bis Niederfinow – etwa 73 Kilometer auf der Alten Oder, mit einem kurzen Abstecher auf den Finowkanal. Dieses Jahr mussten wir die letzte Etappe wetterbedingt auslassen.
Eigentlich bräuchte man für die Alte Oder eine Vignette für fünf Euro pro Boot, erhältlich in Tourist-Informationen und bei Kanuverleihern im Oderbruch. Aber als wir beim Verleih danach fragen, bekommen wir eine fast aggressive Rückfrage: „Wozu? Interessiert doch eh keinen.“ Niemand würde das Geld in die Rastplätze stecken, wie ursprünglich geplant. „Woher sollen Sie überhaupt wissen, dass Sie sowas angeblich brauchen?“ Das System hätte sich erledigt. Die Vignetten rückt er nicht raus.
Tatsächlich: Auf der ganzen Strecke gibt es keine Kontrollen und nirgendwo ein Schild, das darauf hinweist. Es bleibt ein leicht schlechtes Gewissen.
Eigentlich könnte man mit dem RB26 gemütlich ab Berlin-Lichtenberg bis nach Gorgast fahren. Nach etwa einer Stunde Fahrzeit sind es vom Bahnhof aus nur gut zwei Kilometer zu Fuß bis zum Heidehof, wo wir die erste Nacht verbringen. Leider gibt es in diesem Jahr Ersatzverkehr – die Alternativroute führt über Frankfurt (Oder) und den Linienbus.
Dafür funktioniert der Transfer des Autos zwischen Start und Ende: Mit einmal Umsteigen kommt man mit RB60 und RB26 zurück nach Gorgast.
Unter knapp vorbeiziehenden Gewittern bauen wir die vier Zelte und zwei Faltboote auf, bereiten das Abendbrot vor und schlafen durch bis zum nächsten Morgen.
Um acht klingelt der Wecker, und acht Menschen packen Zelte zusammen und bereiten ein ausgiebiges Frühstück vor. Es dauert wie immer bis um elf, bis wir auf dem Wasser sind. Bei Abstrichen bei Gepäck und Gemütlichkeit ließe sich das verkürzen, darunter würde aber der Spaß leiden.
Die etwa 22 Kilometer lange Strecke führt uns kurz vor Zechin links in den Schleusengraben, an dessen Beginn auf uns die erste Überraschung wartet. Statt eines Wehrs, wie in meiner etwas veralteten Jübermann-Karte angegeben, müssen wir Sohlschwellen überwinden.
Wir bringen einige Zeit damit zu, das Gelände auszukundschaften; die Festboote treideln wir durch das schäumende Wasser. Das Ufer ist mit dornigen Robinien bewachsen, was es nicht leichter macht. Am Ende ist es dann schneller, die beiden Faltboote voll beladen die Böschung hochzuzerren und zu viert zu schleppen. Das ist der große Vorteil, wenn man als große Truppe fährt: Man kriegt einiges durch bloße Muskelkraft weg.
Der Rest der Etappe verläuft ohne weiteres Umtragen, die angekündigte Krautsperre ist offen. Landschaftlich wechseln sich ein paar bewaldete Gebiete ab mit spärlich bewachsenen Dämmen. Der Schleusengraben zieht sich über Kilometer schnurgerade dahin, verfügt aber über ordentlich Strömung.
Wir erreichen die Kanustation Quappendorf, eine charmante Wiese mit Biwakplatz und Blick auf den Fluss.
Leider feiert die Dorfjugend hier sehr lautstark und feuchtfröhlich den Herrentag. Regionaltypisch haben sie leicht martialisches Aussehen, die Lieder aus der Box in der Größe eines Kastens Bier bewegen sich irgendwo zwischen Ballermann-Schlager und Rammstein. Der Platzbesitzer erbarmt sich und weist uns einen Platz hinter seinen Ferienhäusern zu.
Und die Jugendlichen bleiben friedlich und feiern ab 22 Uhr schon viel leiser. Der Besitzer drohte bereits mit Rauswurf. Der Tag klingt am Lagerfeuer mit den Ferienhausmietern aus. Wie sich herausstellt, sind sie ebenfalls Faltbootpaddler.
Am Freitag tun den Unsportlichen unter uns schon die Arme weh – es sind aber nur 20 Kilometer Strecke. Außerdem drückt die Hitze, auf dem Wasser ist es aber erträglich. Also alles schön.
In Wriezen überrascht uns eine Weide, die quer im Fluss liegt. Wie abenteuerlich! Wir lassen eine angetrunkene Kanutengruppe eine Bresche schlagen und rutschen anschließend ohne größere Probleme über die Äste. Eine Anwohnerin ruft den bis zum Knöchel im Schlamm stehenden von der Brücke aus zu: „Mein Mann sagt, da kann man gar nicht stehen“.
Hinter dem überwundenen Hindernis legen wir am Ufer an und versorgen uns in dem verschlafenen Ort mit neuem Proviant. Langsam drängt die Zeit. Wir wollen noch bis zum Biwakplatz in Neugaul kommen. Dort begegnen wir der Kanutengruppe, die mit dem Herausziehen ihrer Boote sichtlich überfordert ist. Der Platz stellt sich als gemähtes Wiesenstück heraus, auf dem schon Wohnmobile parken und das auch sonst recht gut besucht ist.
Sanitäre Versorgung gibt es hier nicht – die Leute entleeren sich einfach auf die Wiese. Würde das Vignettensystem funktionieren, hätte man hier wenigstens ein Dixi-Klo aufgestellt.
Diese 20-Kilometer-Etappe verläuft weitgehend ereignislos: Der Fluss ist breit und träge geworden. Viele Stellen sind verkrautet, die Ufer mit Schilfgürteln bewachsen. Immer wieder sehen wir tote Hühner im Wasser treiben und fragen uns, was da wohl passiert ist. Die Sonne knallt uns auf die Schädel. Immerhin gibt es kaum Publikum.
Übernachtet wird am Wasserwander-Rastplatz Oderberg an der Stillen Oder, einem der besser ausgestatteten Plätze auf der Strecke. Nachdem wir die Angler vom Steg vertrieben haben, campieren wir neben einem festen Sanitärhäuschen mit Sitzgruppe, fließend Wasser und elektrischem Licht.
Vor der letzten Etappe von nur elf Kilometern droht uns ein Unwetter. Wollen wir wirklich kurz vor dem Ende noch einmal richtig einregnen? Wir entscheiden uns für die sichere Variante, und ein Teil von uns fährt mit dem Bus nach Niederfinow – um das Auto zu holen oder mit dem Zug nach Hause. Der RB60 fährt im Stundentakt nach Eberswalde, von dort der RE3 zurück nach Berlin.
Eigentlich hätten wir den Oderberger See überquert, wären am berühmten Hebewerk Niederfinow vorbeigefahren und hätten auf dem Finowkanal die einzige Schleuse auf der Strecke überwunden. Unweit des Bahnhofs hätten wir eine leidlich gute Aussetzstelle nahe der alten Klappbrücke gehabt.
Das Unwetter zog dann knapp vorbei, aber das war so nicht vorherzusehen. Kein Grund, sich zu ärgern.
Das Oderbruch ist eine unterschätzte Paddelregion: Sie ist ruhig, recht grün und abwechslungsreich. Auch wenn sie längst nicht so schön ist wie unsere Touren vom Spreewald über Spree und Dahme.
Trotzdem war die Tour wunderschön. Keine Verletzten, keine Verluste, dafür ein paar Mückenstiche und ein bisschen Muskelkater. Auf jeden Fall aber tolle Erinnerungen auf dem Wasser.